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Mit „gezüchteten Gehirnen“ die Alzheimer-Therapie revolutionieren

Das Start-up Norganoid entwickelt ein Gerät, mit dem man Gehirn- und anderes Gewebe für die Forschung züchtet und ist seit Kurzem im Smart Business Center angesiedelt. Hier wollen Charlotte Ohonin und ihr Team ihr System zur Marktreife bringen. Und dazu beitragen, dass Alzheimer und andere Erkrankungen bald besser therapiert werden können. Aber was hat das alles mit einer Nudelmaschine zu tun?

In vielen Bereichen der medizinischen Forschung gibt es zu Tierversuchen bislang kaum Alternativen. „Das ist einerseits ethisch bedenklich. Andererseits sind Tiere nicht 1:1 mit Menschen vergleichbar, was die Ergebnisse verfälschen kann. Mit unserem System könnte man auf Tierversuche verzichten und bekommt zusätzlich noch Ergebnisse, die zu 100 Prozent auf Menschen übertragbar sind“, erläutert Charlotte Ohonin, CEO von Norganoid.

 

Charlotte Ohonin (CEO Norganoid)

Charlotte Ohonin ist mit ihrem Start-up Norganoid im Smart Business Center angesiedelt (Fotos: Peter Pataki).

 

Community im SBC als Benefit für Norganoid

Das Start-up wurde 2019 im Science Park Graz gegründet. Seit Jänner 2021 ist es dem Start-up-Inkubator „entwachsen“ und nun im Smart Business Center (SBC) angesiedelt. „Einerseits hat uns die Kombination aus Labor und Büro angesprochen. Andererseits gibt es mit Kilobaser und anderen Unternehmen auch andere Mieter, die im Life-Science-Bereich arbeiten – diese Community ist für die Zukunft sicher ein Benefit. Auch die leichte Erreichbarkeit vom Flughafen und vom Bahnhof hat uns angesprochen.“

 

Alzheimer früher behandeln

Norganoid entwickelt ein Gerätesystem, über das mit humanen Stammzellen komplexes Gewebe gezüchtet werden kann. Dieses Gewebe wiederum ist eine wichtige Basis für die Erforschung von Medikamenten und Therapien, erläutert Ohonin. „Eines unserer Geräte wird dafür eingesetzt, komplexe Gehirnstrukturen – sogenannte Gehirn-Organoide – zu züchten, die unter anderem die Alzheimer-Forschung revolutionieren könnten“, so die Norganoid-Gründerin. „Wenn man nämlich mit Stammzellen von Alzheimer-Patienten arbeitet, kann man erforschen, wie bestimmte Medikamente wirken. Bisher ist es ja noch nicht möglich, Alzheimer zu stoppen, wenn die Krankheit einmal ausgebrochen ist. Da von der Diagnose bis zum Ausbruch der Krankheit allerdings mehrere Jahre bis Jahrzehnte vergehen können, kann man dieses Zeitfenster nutzen, um nach effektiven Medikamenten zu suchen – sogar spezifisch für jede Person.

 

„Ganz ähnlich wie eine Nudelmaschine“

Aber wie genau funktioniert die Züchtung von Organoiden eigentlich? Die Molekularbiologin zieht den Vergleich mit einem Koch-Rezept: „Je nach Gewebe-Art benötigt man unterschiedliche Zutaten. Die Stammzellen sind dabei immer die Hauptzutat, ähnlich wie das Mehl bei Nudeln. Ein Gehirn-Organoid ist dann gewissermaßen ein Stammzellenhaufen, der sich zu einem Gehirn-ähnlichem Konstrukt entwickelt, indem man ihm die richtigen Stoffe zusetzt. Und mit unserem Gerät, dem sogenannten ‚Nano-Lab-On-A-Chip‘, funktioniert die Herstellung teilautomatisiert. Ganz ähnlich, wie wenn man für die Herstellung von Nudeln eine Nudelmaschine verwendet, anstelle von Handarbeit.“

 

Norganoid will Standard etablieren

Es gibt zwar bereits mehrere Unternehmen bzw. Forschungseinrichtungen, die mit Organ-On-A-Chips arbeiten. „Es gibt aber noch keinen etablierten Standard. Wir beschäftigen uns bereits seit 4 Jahren mit der Technologie und sehen das auch als Chance, am allgemeinen Standard mitzuwirken.“

 

Potenzial für personalisierte Medizin

Im Prinzip lassen sich aus jeder Körperzelle des Menschen Stammzellen züchten – und sie bieten großes Potenzial für die personalisierte Medizin. „Eine Zelle hat ja immer das Krankheitsgedächtnis des Menschen, von dem sie stammt. So auch die Stammzellen, die aus Patientenzellen hergestellt werden. Mit diesen Stammzellen kann man dann wiederum ihre Krankheit im Labor modellieren und Medikamente und Therapien testen“, beschreibt Ohonin.

 

Aufklärungsarbeit leisten

Bei der Arbeit mit Stammzellen spielen ethische Grundsätze natürlich eine zentrale Rolle. „Es ist einerseits wichtig, dass es Reglementierungen gibt. Andererseits braucht es aber auch eine offene Kommunikation. Die Arbeit mit Stammzellen und vor allem die personalisierte Medizin haben ein riesiges Potenzial für das Gesundheitssystem und da wird sich in nächster Zeit noch viel tun. Umso wichtiger ist es daher, dass die Menschen über die Vor- und Nachteile Bescheid wissen“, steht für Ohonin außer Frage.

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